| Autor: | Brussig, Thomas |
|---|---|
| Titel: | Das kürzere Ende der Sonnenallee Roman |
| Rezension: |
Nur ein ganz kleines Stück der Sonnenallee liegt im Osten von Berlin und das kam so: Als Churchill bei der Potsdamer Konferenz 1945 einen Streit zwischen Truman und Stalin um den Territorienverlauf schlichten wollte, ging seine Zigarre aus. Stalin gab ihm Feuer - und erhielt einen Teil der Sonnenallee. Den kürzeren allerdings. So erklärt sich Micha Kuppisch sein Pech, auf der falschen Seite der Mauer aufzuwachsen. "So muss es gewesen sein. Wie konnte sonst eine so lange Straße so kurz vor dem Ende noch geteilt worden sein?" Und manchmal dachte er auch: "Wenn der blöde Churchill auf seine Zigarre aufgepasst hätte, würden wir heute im Westen leben."
Am kürzeren Ende der Sonnenallee herrschen Elend und Mangel - und alle Westberliner, die mit dem Bus auf dem Weg zum Grenzübergang sind, können es sehen: Jugendliche, die sich publikumswirksam um ein Salatblatt prügeln oder mit weit aufgerissenen Augen und bettelnd vorgereckten Händen um Almosen bitten.
Mit solchen und anderen Spielchen vertreiben sich Micha und seine Kumpels gerne die Zeit - wenn sie nicht gerade einem Obermeister der Staatspolizei verbotene Scheiben andrehen. Ansonsten dreht sich die Welt am kürzeren Ende der Sonnenallee um die gleichen Dinge wie überall: die erste Liebe, der erste Kuss und heiße Rock-Musik.
Micha, der wenn er aus dem Haus tritt, die Rufe der westlichen Schulklassen von der Mauer-Aussichtsplattform 'Guck mal, ein Zoni' hört, ist verliebt - in Miriam. Und Miriam knutscht mit einem Wessi. Keine Hürde ist zu groß, um seine Liebe von der Aufrichtigkeit seiner Gefühle zu überzeugen: Strafreferate, Tanzschule und Tagebücher.
Doch es kommt noch schlimmer: Als Micha seinen ersten Liebesbrief bekommt, wird dieser vom Wind in den Todesstreifen geweht , ohne dass er auch nur einen Blick auf den Absender hätte werfen können. Micha und sein Freund Wuschel angeln deshalb mit einem Staubsauger nach dem Liebesbrief im Todesstreifen.
Kuriose Szenen beschreibt Brussig in seinem zweiten Roman nach "Helden wie wir" (1996). Witzig und skurril, alltäglich und abgründig, im kürzeren Ende der Sonnenalle spiegelt sich die Welt. Seine Figuren zeichnet Brussig ein wenig klischeehaft, aber mit feinem und liebenswertem Seelenleben: der Schmuggler-Onkel Heinz, der Angst vor Lungenkrebs durch Asbest hat; Wuschel, der Rolling Stones-Fan, den sein teuerster Besitz vor dem Mauertod rettet; Mutter Kuppisch, die das System nach außen hochhält, damit ihr Sohn in Moskau studieren kann, die aber insgeheim Fluchtpläne schmiedet. Herzhaftes Lachen und sentimentales Erinnern, ungläubiges Staunen und empathisches Mitfühlen, das alles ist bei der Lektüre dieses Romans drin. Jedenfalls wenn man die erste Liebe noch nicht vergessen hat und im Westen aufgewachsen ist.
Jasmin Oun
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| Infos: | 08/99, Verlag Volk und Welt, gebunden, 157 Seiten, DM 28,00. ISBN 3-353-01168-4 |
| Datum: | 09.12.99 |
| Link: | Beim Online-Buchhandel bestellen |
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Nur ein ganz kleines Stück der Sonnenallee liegt im Osten von Berlin und das kam so: Als Churchill bei der Potsdamer Konferenz 1945 einen Streit zwischen Truman und Stalin um den Territorienverlauf schlichten wollte, ging seine Zigarre aus. Stalin gab ihm Feuer - und erhielt einen Teil der Sonnenallee. Den kürzeren allerdings. So erklärt sich Micha Kuppisch sein Pech, auf der falschen Seite der Mauer aufzuwachsen. "So muss es gewesen sein. Wie konnte sonst eine so lange Straße so kurz vor dem Ende noch geteilt worden sein?" Und manchmal dachte er auch: "Wenn der blöde Churchill auf seine Zigarre aufgepasst hätte, würden wir heute im Westen leben."
Am kürzeren Ende der Sonnenallee herrschen Elend und Mangel - und alle Westberliner, die mit dem Bus auf dem Weg zum Grenzübergang sind, können es sehen: Jugendliche, die sich publikumswirksam um ein Salatblatt prügeln oder mit weit aufgerissenen Augen und bettelnd vorgereckten Händen um Almosen bitten.
Mit solchen und anderen Spielchen vertreiben sich Micha und seine Kumpels gerne die Zeit - wenn sie nicht gerade einem Obermeister der Staatspolizei verbotene Scheiben andrehen. Ansonsten dreht sich die Welt am kürzeren Ende der Sonnenallee um die gleichen Dinge wie überall: die erste Liebe, der erste Kuss und heiße Rock-Musik.
Micha, der wenn er aus dem Haus tritt, die Rufe der westlichen Schulklassen von der Mauer-Aussichtsplattform 'Guck mal, ein Zoni' hört, ist verliebt - in Miriam. Und Miriam knutscht mit einem Wessi. Keine Hürde ist zu groß, um seine Liebe von der Aufrichtigkeit seiner Gefühle zu überzeugen: Strafreferate, Tanzschule und Tagebücher.
Doch es kommt noch schlimmer: Als Micha seinen ersten Liebesbrief bekommt, wird dieser vom Wind in den Todesstreifen geweht , ohne dass er auch nur einen Blick auf den Absender hätte werfen können. Micha und sein Freund Wuschel angeln deshalb mit einem Staubsauger nach dem Liebesbrief im Todesstreifen.
Kuriose Szenen beschreibt Brussig in seinem zweiten Roman nach "Helden wie wir" (1996). Witzig und skurril, alltäglich und abgründig, im kürzeren Ende der Sonnenalle spiegelt sich die Welt. Seine Figuren zeichnet Brussig ein wenig klischeehaft, aber mit feinem und liebenswertem Seelenleben: der Schmuggler-Onkel Heinz, der Angst vor Lungenkrebs durch Asbest hat; Wuschel, der Rolling Stones-Fan, den sein teuerster Besitz vor dem Mauertod rettet; Mutter Kuppisch, die das System nach außen hochhält, damit ihr Sohn in Moskau studieren kann, die aber insgeheim Fluchtpläne schmiedet. Herzhaftes Lachen und sentimentales Erinnern, ungläubiges Staunen und empathisches Mitfühlen, das alles ist bei der Lektüre dieses Romans drin. Jedenfalls wenn man die erste Liebe noch nicht vergessen hat und im Westen aufgewachsen ist.
Jasmin Oun