| Autor: | Enzensberger, Hans Magnus |
|---|---|
| Titel: | Wo warst du, Robert? Jugendroman |
| Rezension: |
Wer träumt nicht davon zu wissen, wie es früher einmal war? In seinem Jugend-roman 'Wo warst du, Robert?' beschreibt Hans Magnus Enzensberger mehrere Reisen in die Vergangenheit, die den jungen Protagonisten bis ins Jahr 1621 zurückführen. In sieben Kapiteln, die jeweils eine Zeitreise beschreiben, erfährt er Geschichte am eigenen Leib.
Robert, ein ganz normaler Junge der Jetzt-Zeit, Kind aus gutem Hause, von den Eltern häufig sich selbst überlassen, Computer-Freak und begeisterter Fernseh-Gucker, hat Probleme mit seinen Augen. Immer wieder beginnen sie zu flimmern, auch an jenem Abend, als Robert wieder alleine zu Hause vor dem Fernseher sitzt. Er reibt sich, wie unzählige Male zuvor, die Augen - und befindet sich plötzlich in einer ihm völlig unbekannten Szenerie. Plötzlich sitzt Robert nicht mehr in der heimischen Küche, sondern ist Teil des Films, den er bis zu diesem Moment in der Glotze gesehen hatte: er ist im stalinistischen Russland.
Immer wieder wird Robert vom Strom der Zeit fortgerissen und an neue Ufer gespült, nie hat er bewusst Einfluss darauf, wohin die Reise geht. Immer beginnt eine neue Reise mit einem Flimmern vor seinen Augen, immer sind die Stationen seiner Reise vorbestimmt: durch Filme, Fotos und Bilder, die er anschaut. Von Russland geht es weiter nach Australien ins Jahr 1946, von dort zurück ins Deutschland der beginnenden Nazi-Zeit - zurück zu Roberts eigener Geschichte. Er trifft seine Großmutter, die hier allerdings selbst noch ein Kind ist. Immer tiefer wird Robert in die Geschichte gezogen, ins Jahr 1860 in Norwegen, von dort in ein deutsches Barockschloss und weiter zu einer elsässischen Räuberbande im dreissigjährigen Krieg. Letzte Station des um zwei Jahre gealterten Roberts ist das Haus eines niederländischen Malers, bei dem 1621 eine Lehre beginnt. Indem er sich das Bild der heimischen Küche im 20. Jahrhundert zu malen beginnt, gelingt ihm die 'Flucht' aus der Vergangenheit - Robert landet in der Küche, noch bevor die Eltern nach Hause kommen und seine Abwesenheit bemerken. So kann auch niemand dumme Fragen stellen, wie etwa 'Wo warst du, Robert?'.
So faszinierend die Vorstellung der Zeitreise ist, umso enttäuschender erweist sich von Kapitel zu Kapitel die Lektüre von Enzenbergers Roman. Zwar sollte nicht vergessen werden, dass es sich um ein Jugendbuch handelt; eine etwas anspruchsvollere Behandlung des Themas 'Geschichte' hätte aber auch vor diesem Hintergrund sicherlich nicht geschadet. Zu knapp werden die Themen angerissen, zu wenig erfährt der Leser über die tatsächlichen Probleme und Kennzeichen einer Epoche. Auch der Charakter des Abenteuerromans leidet unter der Oberflächlichkeit der Beschreibungen - immer, wenn es brenzlig wird, verschlägt es Robert in eine andere Zeit. Nie bekommt er die Chance, sich zu bewähren. Dafür würde der Leser gerne auf die ein oder andere Zeitreise verzichten. Neben dem Thema Geschichte behandelt Enzensberger auch solche, die seine Zielgruppe wahrscheinlich zu allen Zeiten bewegt haben: die Frage danach, wer bin ich, die erste Liebe, die Frage nach der eigenen Zukunft.
Hans Magnus Enzensberger wurde 1929 in Kaufbeuren geboren und lebt in München. Der studierte Germanist und Philosoph arbeitete als zunächst als Rundfunk-Journalist, bevor er mit zeitkritischen Essays eine Karriere als Schriftsteller begann. Der Büchner- und Heine-Preisträger war Herausgeber der Zeitschrift 'Kursbuch' (1965 - '75); von Enzensberger erschienen neben Prosa- auch Lyrikbände sowie Theaterstücke.
Jasmin Oun |
| Infos: | Nov. 2000, dtv, TB, ungekürzte Ausgabe, ca. 300 Seiten, ISBN 3-423-62045-5, DM 16,50 EUR 8,44 |
| Datum: | 11.12.00 |
| Link: | Beim Online-Buchhandel bestellen |
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Wer träumt nicht davon zu wissen, wie es früher einmal war? In seinem Jugend-roman 'Wo warst du, Robert?' beschreibt Hans Magnus Enzensberger mehrere Reisen in die Vergangenheit, die den jungen Protagonisten bis ins Jahr 1621 zurückführen. In sieben Kapiteln, die jeweils eine Zeitreise beschreiben, erfährt er Geschichte am eigenen Leib.
Robert, ein ganz normaler Junge der Jetzt-Zeit, Kind aus gutem Hause, von den Eltern häufig sich selbst überlassen, Computer-Freak und begeisterter Fernseh-Gucker, hat Probleme mit seinen Augen. Immer wieder beginnen sie zu flimmern, auch an jenem Abend, als Robert wieder alleine zu Hause vor dem Fernseher sitzt. Er reibt sich, wie unzählige Male zuvor, die Augen - und befindet sich plötzlich in einer ihm völlig unbekannten Szenerie. Plötzlich sitzt Robert nicht mehr in der heimischen Küche, sondern ist Teil des Films, den er bis zu diesem Moment in der Glotze gesehen hatte: er ist im stalinistischen Russland.
Immer wieder wird Robert vom Strom der Zeit fortgerissen und an neue Ufer gespült, nie hat er bewusst Einfluss darauf, wohin die Reise geht. Immer beginnt eine neue Reise mit einem Flimmern vor seinen Augen, immer sind die Stationen seiner Reise vorbestimmt: durch Filme, Fotos und Bilder, die er anschaut. Von Russland geht es weiter nach Australien ins Jahr 1946, von dort zurück ins Deutschland der beginnenden Nazi-Zeit - zurück zu Roberts eigener Geschichte. Er trifft seine Großmutter, die hier allerdings selbst noch ein Kind ist. Immer tiefer wird Robert in die Geschichte gezogen, ins Jahr 1860 in Norwegen, von dort in ein deutsches Barockschloss und weiter zu einer elsässischen Räuberbande im dreissigjährigen Krieg. Letzte Station des um zwei Jahre gealterten Roberts ist das Haus eines niederländischen Malers, bei dem 1621 eine Lehre beginnt. Indem er sich das Bild der heimischen Küche im 20. Jahrhundert zu malen beginnt, gelingt ihm die 'Flucht' aus der Vergangenheit - Robert landet in der Küche, noch bevor die Eltern nach Hause kommen und seine Abwesenheit bemerken. So kann auch niemand dumme Fragen stellen, wie etwa 'Wo warst du, Robert?'.
So faszinierend die Vorstellung der Zeitreise ist, umso enttäuschender erweist sich von Kapitel zu Kapitel die Lektüre von Enzenbergers Roman. Zwar sollte nicht vergessen werden, dass es sich um ein Jugendbuch handelt; eine etwas anspruchsvollere Behandlung des Themas 'Geschichte' hätte aber auch vor diesem Hintergrund sicherlich nicht geschadet. Zu knapp werden die Themen angerissen, zu wenig erfährt der Leser über die tatsächlichen Probleme und Kennzeichen einer Epoche. Auch der Charakter des Abenteuerromans leidet unter der Oberflächlichkeit der Beschreibungen - immer, wenn es brenzlig wird, verschlägt es Robert in eine andere Zeit. Nie bekommt er die Chance, sich zu bewähren. Dafür würde der Leser gerne auf die ein oder andere Zeitreise verzichten. Neben dem Thema Geschichte behandelt Enzensberger auch solche, die seine Zielgruppe wahrscheinlich zu allen Zeiten bewegt haben: die Frage danach, wer bin ich, die erste Liebe, die Frage nach der eigenen Zukunft.
Hans Magnus Enzensberger wurde 1929 in Kaufbeuren geboren und lebt in München. Der studierte Germanist und Philosoph arbeitete als zunächst als Rundfunk-Journalist, bevor er mit zeitkritischen Essays eine Karriere als Schriftsteller begann. Der Büchner- und Heine-Preisträger war Herausgeber der Zeitschrift 'Kursbuch' (1965 - '75); von Enzensberger erschienen neben Prosa- auch Lyrikbände sowie Theaterstücke.
Jasmin Oun