| Autor: | Cokal, Susann |
|---|---|
| Titel: | Mirabilis Roman |
| Rezension: |
Die Geschichte spielt in Frankreich im Jahre 1372 und erzählt von der Amme Bonne 'Mirabilis' Tardieu, dem gottesfürchtigen Bildhauer Gottfridus, dem niederträchtigen Zwerg Hercule und der schönen und reichen Witwe Radegonde. Ihre Wege kreuzen sich und verändern die Leben aller nachhaltig.
Im Mittelpunkt steht das Leben der Amme Bonne; die als Tochter einer Heiligen und gerichteten Hexe am Rande der Gesellschaft lebt. Um ihren Milchfluss nicht versiegen zu lassen, nährt sie den Bildhauer Gottfridus, den sie als ihren Onkel ausgibt, allabendlich. Eines dunklen Februartages findet Bonne in der Klosterruine Saint Porchaire ein völlig ausgehungertes Kind und nimmt es mit zu sich, um es zu pflegen. Das Kind stellt sich als aus hochherrschaftlichem Haus geflohener Zwerg Hercule vor, der zukünftig nicht mehr von ihrer Seite weichen und versuchen wird, alle anderen von dort zu verdrängen. Zu diesen zählt bald auch die schwangeren Witwe Radegonde, die Bonne als Amme für ihr Kind auswählt; Bonne ist glücklich, denn sie verehrt Radegonde. Aber auch Radegonde erweist sich als besitzergreifend; dies wird zum Problem, als Engländern die Stadt belagern und die hungernden Bürgern Bonne um ihre Milch bitten, für die sie sich mit Geschichten entlohnen lässt. Während das Elend um sich greift, scheint Radegonde scheinbar unbeeinträchtigt ihr priviligiertes Leben zu führen. Das weckt nicht nur den Argwohn des Klerus, sondern auch den des Volkes - schnell ist ein Hexengerücht in die Welt gesetzt.
Mit ihrem Debütroman 'Mirabilis' ist Susan Cokal ein historischer Roman der Extraklasse geglückt - ein Vergnügen für den literarisch und historisch gebildeten Leser und ein Fest der Fantasie. Dabei bedient die Geschichte, die auf wahre Begebenheiten im Frankreich des 14. Jahrhunderts zurückgehen soll, nicht nur die Lust am höfischen oder die am schaurigen, dunklen Mittelalter, sondern stellt beide Seiten gleichberechtigt nebeneinander; pracht- und machtstrotzender Luxus einer Kaufmannsfamilie und Armut sowie Heimatlosigkeit einer Hure, gnädige Nächstenliebe und exaltierte Frömmigkeit, Religiosität und Hexenwahn; gleichzeitig findet die Erzählung auch - und das ist ungewöhnlich - Zwischentöne. Dabei sind alle Szenen reich an Kraft und Farbe, doch niemals überzeichnet - auch das eine Besonderheit in diesem Genre.
Auch das Konstruktionsprinzip des Romans unterscheidet sich vom Bekannten: Die erzählte Handlung umfasst nur etwa ein dreiviertel Jahr und ist gegliedert in Kapitel, die nach den Tagen der jeweiligen Heiligen benannt sind. Innerhalb der einzelnen Kapitel wird die, in der Form der Ich-Erzählung geschilderte Handlung um die Amme Bonne immer wieder von Einschüben unterbrochen - hier kommen ihre Vertrauten Gotfridus und Hercule zu Wort. Ebenso ungewöhnlich ist der Erzähltempus dieses historischen Romans - Bonnes erzählt nicht retrospektiv, sondern lässt den Leser im Präsens und damit unmittelbar an ihrem Leben teilhaben.
Susan Cokal hat Geschichte studiert und lehrt an der Universität von Kalifornien. Zuvor lebte sie für längere Zeit in Frankreich, Poitiers, wo sie zu ihrem ersten Roman 'Mirabilis' inspiriert wurde. Cokal arbeitet derzeit an ihrem zweiten Werk, dessen Handlung im Amerika des 19. Jahrhundert angesiedelt sein wird.
Jasmin Oun |
| Infos: | Juni 2001, Rütten & Loening, Berlin, gebunden, 380 Seiten, ISBN 0399147535, EUR 28,28 |
| Datum: | 03.09.02 |
| Link: | Beim Online-Buchhandel bestellen |
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Die Geschichte spielt in Frankreich im Jahre 1372 und erzählt von der Amme Bonne 'Mirabilis' Tardieu, dem gottesfürchtigen Bildhauer Gottfridus, dem niederträchtigen Zwerg Hercule und der schönen und reichen Witwe Radegonde. Ihre Wege kreuzen sich und verändern die Leben aller nachhaltig.
Im Mittelpunkt steht das Leben der Amme Bonne; die als Tochter einer Heiligen und gerichteten Hexe am Rande der Gesellschaft lebt. Um ihren Milchfluss nicht versiegen zu lassen, nährt sie den Bildhauer Gottfridus, den sie als ihren Onkel ausgibt, allabendlich. Eines dunklen Februartages findet Bonne in der Klosterruine Saint Porchaire ein völlig ausgehungertes Kind und nimmt es mit zu sich, um es zu pflegen. Das Kind stellt sich als aus hochherrschaftlichem Haus geflohener Zwerg Hercule vor, der zukünftig nicht mehr von ihrer Seite weichen und versuchen wird, alle anderen von dort zu verdrängen. Zu diesen zählt bald auch die schwangeren Witwe Radegonde, die Bonne als Amme für ihr Kind auswählt; Bonne ist glücklich, denn sie verehrt Radegonde. Aber auch Radegonde erweist sich als besitzergreifend; dies wird zum Problem, als Engländern die Stadt belagern und die hungernden Bürgern Bonne um ihre Milch bitten, für die sie sich mit Geschichten entlohnen lässt. Während das Elend um sich greift, scheint Radegonde scheinbar unbeeinträchtigt ihr priviligiertes Leben zu führen. Das weckt nicht nur den Argwohn des Klerus, sondern auch den des Volkes - schnell ist ein Hexengerücht in die Welt gesetzt.
Mit ihrem Debütroman 'Mirabilis' ist Susan Cokal ein historischer Roman der Extraklasse geglückt - ein Vergnügen für den literarisch und historisch gebildeten Leser und ein Fest der Fantasie. Dabei bedient die Geschichte, die auf wahre Begebenheiten im Frankreich des 14. Jahrhunderts zurückgehen soll, nicht nur die Lust am höfischen oder die am schaurigen, dunklen Mittelalter, sondern stellt beide Seiten gleichberechtigt nebeneinander; pracht- und machtstrotzender Luxus einer Kaufmannsfamilie und Armut sowie Heimatlosigkeit einer Hure, gnädige Nächstenliebe und exaltierte Frömmigkeit, Religiosität und Hexenwahn; gleichzeitig findet die Erzählung auch - und das ist ungewöhnlich - Zwischentöne. Dabei sind alle Szenen reich an Kraft und Farbe, doch niemals überzeichnet - auch das eine Besonderheit in diesem Genre.
Auch das Konstruktionsprinzip des Romans unterscheidet sich vom Bekannten: Die erzählte Handlung umfasst nur etwa ein dreiviertel Jahr und ist gegliedert in Kapitel, die nach den Tagen der jeweiligen Heiligen benannt sind. Innerhalb der einzelnen Kapitel wird die, in der Form der Ich-Erzählung geschilderte Handlung um die Amme Bonne immer wieder von Einschüben unterbrochen - hier kommen ihre Vertrauten Gotfridus und Hercule zu Wort. Ebenso ungewöhnlich ist der Erzähltempus dieses historischen Romans - Bonnes erzählt nicht retrospektiv, sondern lässt den Leser im Präsens und damit unmittelbar an ihrem Leben teilhaben.
Susan Cokal hat Geschichte studiert und lehrt an der Universität von Kalifornien. Zuvor lebte sie für längere Zeit in Frankreich, Poitiers, wo sie zu ihrem ersten Roman 'Mirabilis' inspiriert wurde. Cokal arbeitet derzeit an ihrem zweiten Werk, dessen Handlung im Amerika des 19. Jahrhundert angesiedelt sein wird.
Jasmin Oun