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Onkel Toms Hütte. Berlin

Autor: Frei, Pierre
Titel: Onkel Toms Hütte. Berlin
Roman
Rezension: Onkel Toms Hütte. Berlin Ein Serienkiller treibt sein Unwesen - unweit der Berliner U-Bahn-Station Onkel Toms Hütte werden Frauen ermordet, auf bestialische Weise. Alle gutaussehend, blond und blauäugig. Die Polizei ist hilflos. Unmittelbar nach Ende des zweiten Weltkriegs besitzt sie weder die Mittel noch die Kompetenzen zur uneingeschränkten Verbrechensverfolgung. Inspektor Dietrich, ein einbeiniger Kriegsveteran, muss alle Schritte mit den US-Allierten abstimmen, die im Bezirk das Sagen haben. Doch bevor an Zusammenarbeit zu denken ist, müssen erst einmal die Kriegsfeindschaft überwunden und ein Neuanfang gemacht werden. Pierre Freis Roman ist spannend konstruiert: Während die in den Nachkriegsalltag eingebettete Kriminalhandlung den dramaturgischen Rahmen setzt, bildet die Beschreibung der Leben der Ermordeten während des Nationalsozialismus den eigentlichen Hauptteil. Die Frauen - eine Ufa-Schauspielerin vom Lande, eine Krankenschwester mit behindertem Kind, eine Prostituierte und spätere Frau eines Lagerkommandanten sowie eine junge Adlige im diplomatischen Dienst - schlagen sich durch die Kriegsjahre, beweisen Mut, Zivilcourage, Leidenfähigkeit und Lebenswillen - um nach Ende des Krieges und zu Beginn eines hoffnungsvollen Neuanfangs heimtückisch erdrosselt zu werden. Doch nicht nur bei dem Krimi und den Frauen-Biografien lässt es Frei bewenden, einen weiteren Handlungsstrang flicht er ein, mit dem der Roman einsetzt. Der Sohn des Inspektors, der fünfzehnjährige Ben, hat einen Traum: Er wünscht sich einen Anzug aus feinstem Zwirn und braune Wildlederschuhe, mit denen er ein Mädchen seiner Schule beeindrucken möchte. Um sich diesen Nachkriegswahnsinn leisten zu können, sammelt er Kippen und dreht neue Zigaretten daraus, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Und wo ginge dies besser als an einem U-Bahnhof, an dem vor allem Amerikaner verkehren? So findet Ben die erste Frauenleiche. Am Ende erfüllt sich Bens Traum - für einen Moment. Mit "Onkel Toms Hütte, Berlin" ist Pierre Frei ein wunderbarer Roman gelungen. Einerseits ein spannendes Stück erzählte Alltagsgeschichte aus der Zeit unmittelbar nach 1945, andererseits ein Einblick in die unterschiedlichsten Kriegsbiografien von vier Frauen - jede für sich ein gelungenes Stück Literatur, das seine eigene Sprache findet. Darüber verblasst leider die Kriminalhandlung ein wenig, die an manchen Stellen nicht dicht genug ist. Ein echter Wermutstropfen sind jedoch die Passagen, an denen Frei seinen erotischen - mit Verlaub - Altherrenphantasien freien Lauf lässt. Auf diese hätte der Roman und die Leserin verzichten können. Der Autor: Pierre Frei, Jahrgang 1930, wuchs in Berlin im Viertel rund um den U-Bahnhof Onkel Toms Hütte auf. Seine erste Kurzgeschichten veröffentlichte er als Gymnasiast. Das Studium der Publizistik verdiente er sich mit Zeitungs- und Rundfunkreportagen. Den ersten Roman, "Pernod wächst nicht auf den Bäumen", veröffentlichte der 23-Jährige mit beachtlichem Erfolg in der Münchner Illustrierten. Als freier Auslandskorrespondent berichtete der Autor später aus Rom, Kairo, New York und London, ehe er sich auf eine Farm in Wales zurückzog. Seit 1990 lebt der passionierte Reiter auf einem Chateau im Südwesten Frankreichs. Jasmin Oun
Infos: Dez. 2003, Blessing, gebunden, 542 Seiten, ISBN: 3896672509, EUR 22,90
Datum: 14.06.04
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