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Das Napoleonspiel

Autor: Hein, Christoph
Titel: Das Napoleonspiel
Roman
Rezension: Das Napoleonspiel "Ein ganzes Jahr...war der Suche nach dieser zu tötenden Person gewidmet. Ein Fehler bei der Auswahl, eine Nachlässigkeit beim Erkunden aller in Betracht kommenden und ins Gewicht fallenden Daten konnte mich das gesamte Spiel kosten, bevor es eigentlich begonnen hatte, und würde statt der gewünschten Partie nur eine sinnlose Bluttat zustande bringen, die tatsächlich entsetzlich gewesen wäre... Ein Mord ist ein abscheuliches Verbrechen... Aber eine unerlässliche Tötung mit einem Mord oder auch nur einem Verbrechen gleichzusetzen entbehrt nicht nur der Logik, sondern es verhöhnt selbst die Moral." Der Tod von Bernhard Bagnall in der Berliner U-Bahn 1989 war nach der Logik des in Untersuchungshaft befindlichen Angeklagten - selbst bekannter Anwalt und Politiker - eine solche unerlässliche Tötung. In dem Spiel seines Lebens, das ihn vor dem Selbstmord aus Langweile rettet, verliert stattdessen ein unauffälliger Knecht sein Leben - und das Spiel geht weiter. Nun macht sich der Angeklagte die Mechanismen des Rechtsystems und der öffentlichen Meinungsbildung zu Nutze und weiß: Am Ende wird er das Gefängnis als freier Mann verlassen. In Christoph Heins Roman "Das Napoleonspiel" schildert der des Willkürmordes Angeklagte in einem Brief an seinen Anwalt sein Leben und das ihn am Leben erhaltende Elexier: das Spielen. Doch jedes Spiel geht einmal zu Ende und wer zum Spieler berufen ist, wird es wahrscheinlich gewinnen - eine alptraumhafte Vorstellung. Seines Zieles, ein möglichst perfektes Spiel zu spielen - nicht: zu gewinnen - beraubt, muss ein neues Spiel gefunden werden. Und immer muss es anspruchsvoller und aufregender sein als das zuvor. Werden Billard und Reichtum fade, verlieren Erpressung, Betrug und Politik ihren Reiz - was bleibt? Eine Tötung. Nicht umsonst vergleicht sich Heins Protagonist und briefeschreibender Ich-Erzähler mit Napoleon - auch er ein Spieler, auch er satt von Siegen, gelangweilt von seinem Europa - seine Tötung: der Russlandfeldzug. Auf hohem sprachlichen Niveau präsentiert Christoph Hein dem Leser eine schillernde Gestalt, ekelerrregend in ihrer Kaltschnäutzigkeit, doch in die anziehende Aura der Macht gehüllt. Gleichzeitig wirft Hein sein (kaltes) Licht auf die Gesellschaft. Gleichgültig gegen Mitmenschen, leicht zu manipulieren und immer auf den eigenen Vorteil bedacht - warum soll der Einzelne besser sein als die Masse? Weil sich der Angeklagte aber intellektuell von der Masse abhebt, darf er es sein, der im Spiel um Ansehen, Vorteil und Reichtum den Sieg davon trägt. Und vielleicht steht die Hauptfigur hier auch ironisch Pate für das System, das 1989 den Sieg (vermeintlich) errungen hat. Der Autor: Christoph Hein wurde 1944 in Schlesien geboren und wuchs in der Nähe von Leipzig auf. Aufgrund der politischen Verhältnisse bleibt Hein ohne Schulabschluss und arbeitet als Monteur, Buchhändler, Kellner und Journalist, bevor er 1963 an die Berliner Volksbühne kommt, zu der er 1974 nach dem Studium der Philosophie und Logistik zurückkehrt. Dort werden seine ersten beiden Stücke 1974 uraufgeführt. Seit 1979 ist Hein freiberuflicher Schriftsteller. Von ihm erschienen Romane, Novellen, Erzählungen, Theaterstücke, Essays sowie ein Kinderbuch. Er wurde für sein Werk mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, etwa dem Erich-Fried-Preis 1990 sowie dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur 2002. Jasmin Oun
Infos: 2003, Suhrkamp Verlag, Taschenbuch, 220 Seiten, ISBN 3518399802, EUR 7,50
Datum: 27.07.04
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