| Autor: | Adriani, Götz |
|---|---|
| Titel: | Bordell und Boudoir
Schauplätze der Moderne - Cézanne, Degas, Toulouse-Lautrec, Picasso. |
| Rezension: |
Üppige Weiblichkeit, freizügige Szenen und eindrucksvolle Kunstwerke, damit wartet die Ausstellung "Bordell und Boudoir - Schauplätze der Moderne. Cézanne, Degas, Toulouse-Lautrec, Picasso" noch bis zum 22. Mai 2005 in der Kunsthalle Tübingen auf. Ein Fest der Sinne und eine einmalige Gelegenheit, in das Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts einzutauchen.
Dessen Veränderungen und damit die Rahmenbedingungen für das Entstehen der gezeigten Kunstwerke dokumentiert der Bildband zur Ausstellung ausführlich. Und das ist auch gut so, denn der Einfluss der gesellschaftlichen und architektonischen Umwälzungen - wie der Um/Neubau des alten Paris durch Hausmann - ist außerordentlich. Das Leben des gerade erwachten Bürgertums und des Adels wendet sich verstärkt nach außen, auf die neu entstandenen Boulevards, in die Cafes und forciert eine Lust auf Kunst und Unterhaltung, die ihre Erfüllung unter anderem auf den Bühnen der Cafes und in den Boudoirs der Etablissements findet. Doch dass diese Vergnügenssucht zum Gegenstand der Kunst wird, ist ein Skandal. Zeigt sie doch weibliche Nacktheit, die bis dato ausschließlich mythologischen Figuren vorbehalten war, in ihrer Alltäglichkeit und provoziert darüber hinaus durch ihre unkonventionelle künstlerische Darstellung. Sie trägt nicht dazu bei, Künstlern wie Degas die gewünschte Anerkennung der Salons einzubringen, sondern stellt sie auf eine Stufe mit dem Gegenstand ihrer Betrachtung, der Hure. Van Gogh formulierte das vorhandene Bewusstsein dafür in einem Brief an Emile Bernard 1888 so: "Besagter unterwürfiger Hure gehört mehr meine Sympathie als mein Mitleid. Ausgestoßen und abgelehnt von der Gesellschaft, wie Du und ich es als Künstler sind, ist sie gewisslich unsere Freundin und Schwester."
Die Ausstellung zeigt mit Bildern von Cézanne, Degas, Toulouse-Lautrec sowie Picasso die Betrachtungsweise vier unterschiedlicher Maler zum Thema. Schnell wird klar, wie unterschiedlich auch deren Blick auf das "Objekt der Begierde" ist: Während Cézanne sich als unbeteiligter Betrachter im Hintergrund zu halten versucht, weitet sich der Blick des Großstädters Degas in fast reporterhafter Weise. Toulouse-Lautrecs Bilder lassen dagegen jede Distanz zum Thema vermissen. Kein Wunder, lebte der notorische Alkoholiker doch von und mit den Dirnen. Picassos Radierungen, die Degas im Bordell zeigen, sind an erotischer Aussagekraft kaum mehr zu übertreffen und legen den Schluss nah, dass sich hier die Wünsche eines alten Mannes fulminant Bahn brechen. Eines jedoch ist allen vier ausgestellten Künstlern eigen: Kritiklosigkeit an den gezeigten Zuständen. Diese betritt erst mit Grosz und Dix die Bühne der Kunst.
Der Bildband, der Konzept und Aussage der Ausstellung hervorragend dokumentiert und über die Ausstellung hinausgehend illustriert - manche Bilder waren schlicht nicht nach Tübingen zu holen -, glänzt durch die Kraft der Bilder und der Worte.
Götz Adriani, geboren 1940 in Stuttgart, studierte Kunstgeschichte, Archeologie und Geschichte in München, Wien und Tübingen. Seit 1971 ist der Direktor der Kunsthalle Tübingen, die er laut Der Zeit "zu einer der ersten Adressen für die Schwellenkunst der Moderne" machte.
Jasmin Oun |
| Infos: | Hatje Cantz Verlag, 2005, gebunden, 296 Seiten, 263 Abb., davon 170 farbig, ISBN 3-7757-1503-7, 39,80 Euro |
| Datum: | 07.03.05 |
| Link: | Beim Online-Buchhandel bestellen |
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Üppige Weiblichkeit, freizügige Szenen und eindrucksvolle Kunstwerke, damit wartet die Ausstellung "Bordell und Boudoir - Schauplätze der Moderne. Cézanne, Degas, Toulouse-Lautrec, Picasso" noch bis zum 22. Mai 2005 in der Kunsthalle Tübingen auf. Ein Fest der Sinne und eine einmalige Gelegenheit, in das Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts einzutauchen.
Dessen Veränderungen und damit die Rahmenbedingungen für das Entstehen der gezeigten Kunstwerke dokumentiert der Bildband zur Ausstellung ausführlich. Und das ist auch gut so, denn der Einfluss der gesellschaftlichen und architektonischen Umwälzungen - wie der Um/Neubau des alten Paris durch Hausmann - ist außerordentlich. Das Leben des gerade erwachten Bürgertums und des Adels wendet sich verstärkt nach außen, auf die neu entstandenen Boulevards, in die Cafes und forciert eine Lust auf Kunst und Unterhaltung, die ihre Erfüllung unter anderem auf den Bühnen der Cafes und in den Boudoirs der Etablissements findet. Doch dass diese Vergnügenssucht zum Gegenstand der Kunst wird, ist ein Skandal. Zeigt sie doch weibliche Nacktheit, die bis dato ausschließlich mythologischen Figuren vorbehalten war, in ihrer Alltäglichkeit und provoziert darüber hinaus durch ihre unkonventionelle künstlerische Darstellung. Sie trägt nicht dazu bei, Künstlern wie Degas die gewünschte Anerkennung der Salons einzubringen, sondern stellt sie auf eine Stufe mit dem Gegenstand ihrer Betrachtung, der Hure. Van Gogh formulierte das vorhandene Bewusstsein dafür in einem Brief an Emile Bernard 1888 so: "Besagter unterwürfiger Hure gehört mehr meine Sympathie als mein Mitleid. Ausgestoßen und abgelehnt von der Gesellschaft, wie Du und ich es als Künstler sind, ist sie gewisslich unsere Freundin und Schwester."
Die Ausstellung zeigt mit Bildern von Cézanne, Degas, Toulouse-Lautrec sowie Picasso die Betrachtungsweise vier unterschiedlicher Maler zum Thema. Schnell wird klar, wie unterschiedlich auch deren Blick auf das "Objekt der Begierde" ist: Während Cézanne sich als unbeteiligter Betrachter im Hintergrund zu halten versucht, weitet sich der Blick des Großstädters Degas in fast reporterhafter Weise. Toulouse-Lautrecs Bilder lassen dagegen jede Distanz zum Thema vermissen. Kein Wunder, lebte der notorische Alkoholiker doch von und mit den Dirnen. Picassos Radierungen, die Degas im Bordell zeigen, sind an erotischer Aussagekraft kaum mehr zu übertreffen und legen den Schluss nah, dass sich hier die Wünsche eines alten Mannes fulminant Bahn brechen. Eines jedoch ist allen vier ausgestellten Künstlern eigen: Kritiklosigkeit an den gezeigten Zuständen. Diese betritt erst mit Grosz und Dix die Bühne der Kunst.
Der Bildband, der Konzept und Aussage der Ausstellung hervorragend dokumentiert und über die Ausstellung hinausgehend illustriert - manche Bilder waren schlicht nicht nach Tübingen zu holen -, glänzt durch die Kraft der Bilder und der Worte.
Götz Adriani, geboren 1940 in Stuttgart, studierte Kunstgeschichte, Archeologie und Geschichte in München, Wien und Tübingen. Seit 1971 ist der Direktor der Kunsthalle Tübingen, die er laut Der Zeit "zu einer der ersten Adressen für die Schwellenkunst der Moderne" machte.
Jasmin Oun