| Autor: | Henschen, Helena |
|---|---|
| Titel: | Im Schatten eines Verbrechens
Roman |
| Rezension: |
Im Schatten eines Verbrechens – so wuchs Helena Henschen auf. Als Enkelin Hjalmar von Sydows, des prominenten schwedischen Unternehmers und Arbeitsgeberpräsidenten, der von seinem eigenen Sohn, Frederik von Sydow, am 7. März 1932 in seiner Stockholmer Wohnung erschlagen wurde. Mit ihm starben zwei Hausangestellte. Wenige Stunden nach dem Mord richtete Frederik erst seine Frau Sophie und dann sich selbst auf den Stufen eines Restaurants. Warum? Wie kam es zu diesen Bluttaten? Auf diese Fragen erhielt Helena Henschen nie eine Antwort, denn diese Fragen durften nicht gestellt werden. Schon früh entzog sich Henschens Mutter der eigenen Familie und damit auch den Fragen nach ihrer Vergangenheit als Schwester des Vatermörders und Zeugin am Unglücksort. Doch Henschen lässt die Geschichte ihrer Familie keine Ruhe und sie beginnt, die Tat und ihre Hintergründe zu rekonstruieren. Was nicht leicht ist, da Tagebücher, Briefe und Fotos in großer Zahl vernichtet wurden. Auch stehen nur noch wenige Zeitzeugen zur Verfügung und die wissen oft so wenig wie sie selbst, etwa die damals dreijährige Tochter Frederiks und Sophies.
Der Roman Helena Henschens resultiert unter anderem aus der geschilderten Faktenlage. Da, wo es nichts Verbrieftes zu berichten gibt, entwirft die Autorin ein Bild, wie es gewesen sein könnte. Sie ergänzt das ausgesprochen löchrige Tatsachen-Mosaik um die Morde mit neuen Steinen und frischt die verblassten Farben mit Fantasie auf. Es entsteht ein Portrait zweier Familien aus der Stockholmer Oberschicht der 30er Jahre, in denen es nie an Geld, Gesellschaften und Sommerhäusern mangelte, wohl aber an Zeit für ein menschliches Miteinander. An den Müttern zerbrachen beide Familien, die eine, weil die Mutter ein neues Glück an der Seite eines rumänischen Musikers suchte, die andere, weil Frau von Sydow ihre Seelen-Schmerzen mit Morphium bekämpfte. Auch Frederik entwickelte eine Neigung zu Alkohol und Beruhigungsmitteln, die sicher dazu beitrug, moralische Hemmschwellen zu senken. Vielleicht waren sie auch der Ausgangspunkt zu einem finalen Disput mit dem Vater ums Geld? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Alles bleibt Spekulation.
Über den Eindruck des gesellschaftlichen und familiären Lebens der beiden Familien hinaus vermittelt das Buch einen Eindruck der sozialen Verhältnisse der Zeit: Arbeitskampf und Unterdrückung, der Stellenwert der Frau und der Umgang mit unehelichen Schwangerschaften, Hierarchien in Familie und Gesellschaft und das Leben der Dienstboten.
Insgesamt ist „Im Schatten eines Verbrechens“ eine sehr spannende, wohl gestaltete Lektüre. Doch der persönliche Erfahrungsbericht der Autorin, der sehr stark ihre Verstricktheit und Betroffenheit vermittelt und die Geschichte auf die Metaebene führt, und die Fiktion überlagern sich an vielen Stellen und bringen eine Unruhe in das Buch, die diesem schadet. Eine rein fiktionale Herangehensweise wäre hier sicher der bessere, aber schwierigere Weg gewesen.
Helena Henschen, geboren 1940 in Stockholm, lebt als Graphikerin und Kinderbuchautorin in Stockholm. „Im Schatten eines Verbrechens“ ist ihr erster Roman.
Jasmin Oun
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| Infos: | 2005, Insel Verlag, gebunden, 271 Seiten, ISBN 3458172645, EUR 19,80 |
| Datum: | 16.08.05 |
| Link: | Beim Online-Buchhandel bestellen |
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Im Schatten eines Verbrechens – so wuchs Helena Henschen auf. Als Enkelin Hjalmar von Sydows, des prominenten schwedischen Unternehmers und Arbeitsgeberpräsidenten, der von seinem eigenen Sohn, Frederik von Sydow, am 7. März 1932 in seiner Stockholmer Wohnung erschlagen wurde. Mit ihm starben zwei Hausangestellte. Wenige Stunden nach dem Mord richtete Frederik erst seine Frau Sophie und dann sich selbst auf den Stufen eines Restaurants. Warum? Wie kam es zu diesen Bluttaten? Auf diese Fragen erhielt Helena Henschen nie eine Antwort, denn diese Fragen durften nicht gestellt werden. Schon früh entzog sich Henschens Mutter der eigenen Familie und damit auch den Fragen nach ihrer Vergangenheit als Schwester des Vatermörders und Zeugin am Unglücksort. Doch Henschen lässt die Geschichte ihrer Familie keine Ruhe und sie beginnt, die Tat und ihre Hintergründe zu rekonstruieren. Was nicht leicht ist, da Tagebücher, Briefe und Fotos in großer Zahl vernichtet wurden. Auch stehen nur noch wenige Zeitzeugen zur Verfügung und die wissen oft so wenig wie sie selbst, etwa die damals dreijährige Tochter Frederiks und Sophies.
Der Roman Helena Henschens resultiert unter anderem aus der geschilderten Faktenlage. Da, wo es nichts Verbrieftes zu berichten gibt, entwirft die Autorin ein Bild, wie es gewesen sein könnte. Sie ergänzt das ausgesprochen löchrige Tatsachen-Mosaik um die Morde mit neuen Steinen und frischt die verblassten Farben mit Fantasie auf. Es entsteht ein Portrait zweier Familien aus der Stockholmer Oberschicht der 30er Jahre, in denen es nie an Geld, Gesellschaften und Sommerhäusern mangelte, wohl aber an Zeit für ein menschliches Miteinander. An den Müttern zerbrachen beide Familien, die eine, weil die Mutter ein neues Glück an der Seite eines rumänischen Musikers suchte, die andere, weil Frau von Sydow ihre Seelen-Schmerzen mit Morphium bekämpfte. Auch Frederik entwickelte eine Neigung zu Alkohol und Beruhigungsmitteln, die sicher dazu beitrug, moralische Hemmschwellen zu senken. Vielleicht waren sie auch der Ausgangspunkt zu einem finalen Disput mit dem Vater ums Geld? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Alles bleibt Spekulation.
Über den Eindruck des gesellschaftlichen und familiären Lebens der beiden Familien hinaus vermittelt das Buch einen Eindruck der sozialen Verhältnisse der Zeit: Arbeitskampf und Unterdrückung, der Stellenwert der Frau und der Umgang mit unehelichen Schwangerschaften, Hierarchien in Familie und Gesellschaft und das Leben der Dienstboten.
Insgesamt ist „Im Schatten eines Verbrechens“ eine sehr spannende, wohl gestaltete Lektüre. Doch der persönliche Erfahrungsbericht der Autorin, der sehr stark ihre Verstricktheit und Betroffenheit vermittelt und die Geschichte auf die Metaebene führt, und die Fiktion überlagern sich an vielen Stellen und bringen eine Unruhe in das Buch, die diesem schadet. Eine rein fiktionale Herangehensweise wäre hier sicher der bessere, aber schwierigere Weg gewesen.
Helena Henschen, geboren 1940 in Stockholm, lebt als Graphikerin und Kinderbuchautorin in Stockholm. „Im Schatten eines Verbrechens“ ist ihr erster Roman.
Jasmin Oun