| Autor: | Mohsin Hamid |
|---|---|
| Titel: | Nachtschmetterlinge
Roman |
| Rezension: |
Es ist heiß im Sommer 1998 im pakistanischen Lahore und hin und wieder wackelt die Erde wegen der unterirdischen Atombombentests. Heißer als sonst, findet Daru. Aber das liegt daran, dass Daru in diesem Sommer ohne Klimaanlage auskommen muss. Den Strom hat man ihm abgestellt, nachdem er seine Rechnungen nicht mehr zahlte. Und weil, seit des Verlustes des gut bezahlten Jobs in einer Bank, auch manch anderes schief zu laufen scheint, muss Daru schauen, dass er den Anschluss wiederfindet: an den Strom, seinen Freundeskreis aus der Lahorer Society, an sein Leben. Doch mit seinem arroganten, snobistischen Gehabe steht er sich selbst im Weg. Einziger Lichtblick: Mumtaz, die Frau seines alten Freundes Ozi, die beide nach Jahren gerade aus New York zurückgekehrt sind. Doch auch die engagierte Journalistin kann nicht verhindern, dass Daru zunehmend den Kontakt zur Realität verliert und sich in die Welt der Drogen zurückzieht.
Mit "Nachtschmetterlinge" ist Mohsin Hamid ein außergewöhnlicher Debütroman geglückt. Ein detailiertes Soziogramm einer auseinanderfallenden Gesellschaft zwischen eherner Tradition und kapitalistischer Spaßgesellschaft, erfahrbar gemacht am Beispiel des jungen Auf- und Absteigers Daru. Sein Absturz erfolgt nicht jäh, sondern quälend langsam. Jeder falsche Schritt ist zunächst noch korrigierbar, nach vielen Schritten ins Abseits ist sein Weg nach unten jedoch vorgezeichnet. Empfindet der Leser anfangs noch Respekt für den unangepassten Daru und Mitleid für sein Scheitern in der Gesellschaft, die nur nach festgefügten Regeln zu funktionieren scheint, ändert sich dies rasch. Zunehmend dominiert der Gedanke: Er bekommt, was er verdient. Doch gleichzeitig hat diese Moral einen schalen Beigeschmack: Denn die, die es sich aufgrund von Status und Reichtum leisten können, entgehen einem gerechten Urteil, obwohl sie nicht weniger Schuld auf sich geladen haben.
Die Handlung um den Abstieg Darus vom luxusgewohnten Bankangestellten mit Hauspersonal zum drogenabhängigen Kriminellen wird in einzelnen Kapiteln erzählt. Die Rahmenhandlung bildet dabei ein Gerichtsprozess, der Daru gemacht wird, nachdem er einen Laden überfallen und dabei einen Menschen getötet hat. Während hier die Katastrophe als Rückblick aus Sicht seiner Umgebung, seiner - vorgeblichen - Freunde, erzählt wird, ist die eigentliche, chronologisch erzählte Handlung ein Bericht des Ich-Erzählers Daru. Mit diesem Aufbau und seiner authentischen Sprache entwirft der Roman ein hervorragendes Bild des Niedergangs eines Individuums, aber auch einer ganzen Gesellschaft.
Mohsin Hamid, der in Lahore geboren wurde und aufwuchs, zog 1989 nach Amerika und lebt seit kurzem in London. Nach einem Jura-Studium in Harvard und einem Creative Writing-Studium bei Toni Morrison in Princeton arbeitet er heute als Unternehmensberater. Er schreibt regelmäßig unter anderem für die New York Times und The Guardian. Sein erster Roman "Nachtschmetterlinge" wurde 2002 für den PEN/Hemingway Award sowie den Commonwealth First Writers Prize nominiert und mit dem Betty Trask Award ausgezeichnet.
Jasmin Oun
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| Infos: | dtv, 2002, Taschenbuch, 279 Seiten, ISBN 3 423 24301 5, 15,00 Euro |
| Datum: | 06.03.06 |
| Link: | Beim Online-Buchhandel bestellen |
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Es ist heiß im Sommer 1998 im pakistanischen Lahore und hin und wieder wackelt die Erde wegen der unterirdischen Atombombentests. Heißer als sonst, findet Daru. Aber das liegt daran, dass Daru in diesem Sommer ohne Klimaanlage auskommen muss. Den Strom hat man ihm abgestellt, nachdem er seine Rechnungen nicht mehr zahlte. Und weil, seit des Verlustes des gut bezahlten Jobs in einer Bank, auch manch anderes schief zu laufen scheint, muss Daru schauen, dass er den Anschluss wiederfindet: an den Strom, seinen Freundeskreis aus der Lahorer Society, an sein Leben. Doch mit seinem arroganten, snobistischen Gehabe steht er sich selbst im Weg. Einziger Lichtblick: Mumtaz, die Frau seines alten Freundes Ozi, die beide nach Jahren gerade aus New York zurückgekehrt sind. Doch auch die engagierte Journalistin kann nicht verhindern, dass Daru zunehmend den Kontakt zur Realität verliert und sich in die Welt der Drogen zurückzieht.
Mit "Nachtschmetterlinge" ist Mohsin Hamid ein außergewöhnlicher Debütroman geglückt. Ein detailiertes Soziogramm einer auseinanderfallenden Gesellschaft zwischen eherner Tradition und kapitalistischer Spaßgesellschaft, erfahrbar gemacht am Beispiel des jungen Auf- und Absteigers Daru. Sein Absturz erfolgt nicht jäh, sondern quälend langsam. Jeder falsche Schritt ist zunächst noch korrigierbar, nach vielen Schritten ins Abseits ist sein Weg nach unten jedoch vorgezeichnet. Empfindet der Leser anfangs noch Respekt für den unangepassten Daru und Mitleid für sein Scheitern in der Gesellschaft, die nur nach festgefügten Regeln zu funktionieren scheint, ändert sich dies rasch. Zunehmend dominiert der Gedanke: Er bekommt, was er verdient. Doch gleichzeitig hat diese Moral einen schalen Beigeschmack: Denn die, die es sich aufgrund von Status und Reichtum leisten können, entgehen einem gerechten Urteil, obwohl sie nicht weniger Schuld auf sich geladen haben.
Die Handlung um den Abstieg Darus vom luxusgewohnten Bankangestellten mit Hauspersonal zum drogenabhängigen Kriminellen wird in einzelnen Kapiteln erzählt. Die Rahmenhandlung bildet dabei ein Gerichtsprozess, der Daru gemacht wird, nachdem er einen Laden überfallen und dabei einen Menschen getötet hat. Während hier die Katastrophe als Rückblick aus Sicht seiner Umgebung, seiner - vorgeblichen - Freunde, erzählt wird, ist die eigentliche, chronologisch erzählte Handlung ein Bericht des Ich-Erzählers Daru. Mit diesem Aufbau und seiner authentischen Sprache entwirft der Roman ein hervorragendes Bild des Niedergangs eines Individuums, aber auch einer ganzen Gesellschaft.
Mohsin Hamid, der in Lahore geboren wurde und aufwuchs, zog 1989 nach Amerika und lebt seit kurzem in London. Nach einem Jura-Studium in Harvard und einem Creative Writing-Studium bei Toni Morrison in Princeton arbeitet er heute als Unternehmensberater. Er schreibt regelmäßig unter anderem für die New York Times und The Guardian. Sein erster Roman "Nachtschmetterlinge" wurde 2002 für den PEN/Hemingway Award sowie den Commonwealth First Writers Prize nominiert und mit dem Betty Trask Award ausgezeichnet.
Jasmin Oun