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Hausaufgaben

Autor: Jakob Arjouni
Titel: Hausaufgaben
Roman
Rezension: Hausaufgaben

"Joachim Linde, Deutschlehrer am Reichenheimer Schiller-Gymnasium, sah auf die Uhr... Zweiundzwanzig Mädchen und Jungen im Alter von siebzehn bis zwanzig, die im Moment, wie Linde glaubte, nur im Kopf hatten, wo sie das verlängerte Wochenende verbringen würden. So wie er...Es war Donnerstag, ein warmer, sonniger Frühlingstag, und in zwei Stunden wollte er in den Zug nach Berlin steigen, um am nächsten Morgen zu einer dreitägigen Wanderung durch die Mark Brandenburg aufzubrechen." Für ein paar Tage einmal alles hinter sich lassen, den Ärger mit der Klasse, in der eine Diskussion über die Nazi-Zeit zum Fiasko wird, die Probleme mit seiner psychisch kranken Frau, die gerade wieder einmal zur Behandlung in der Klinik ist, die Sorge um die Tochter, die sich nach einem Selbstmordversuch von der Familie losgesagt hat und irgendwo im Süden das Glück sucht, die Gedanken, die sich Linde über seinen halbwüchsigen Sohn Pablo macht, der sich nur für soziale Gerechtigkeit und die Revolution, aber nicht für Mädchen begeistern kann. Doch kaum ist die Tasche für die Reise auf den Spuren Fontanes gepackt, läutet es an der Tür und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Am Ende steht Linde vor dem Scherbenhaufen seiner Ehe und Familie, muss um das Leben seines Sohnes bangen und rettet nur mit einem gewieften Schachzug seinen Ruf als Lehrer. Phantastisch, wie Jakob Arjouni in "Hausaufgaben" beschreibt, wie sich plötzlich der unter der Decke gehaltene alltägliche Familien-Wahnsinn bahnbricht, wie unverheilte Wunden aufbrechen und eines das andere so anschiebt, dass ein Aussteigen aus dem Karusell nicht mehr möglich ist. Ganz schwindelig wird einem auch, wenn man sich vorstellt, wievielen dieser selbstgerechten, möchte-gern jungegebliebenen Lehrer oder Nachbarn á la Linde man täglich begegnet – vielleicht ohne es zu wissen. Doch nun weiß man genau, worauf man gefasst sein muss, denn Arjouni beschreibt die Handlung fast vollständig aus der Sicht seines Protagonisten und gewährt so Einblick in die Welt eines Schönredners, Schuldzuweisers, Selbsttäuschers und Ignoranten. Arjouni sagt selbst über Linde und darüber, was ihn an der Figur interessiert: "Ein großer Verdränger und einer, der versucht, bestimmte Bilder zu erfüllen, die er von sich und seinem Leben hat und wie man im Leben so zu sein hat und daran dauernd scheitert, weil die Realität mit diesen Bildern nichts zu tun hat...Wieweit verläuft Verdrängung bewusst oder verlaufen Lügen bewusst und wie ist das Mischverhältnis. Wieweit glaubt man irgendwann seinen eigenen Lügen, wieweit geht man sich selbst auf den Leim. Das ist dann sicher einer, der sich selber sehr auf den Leim geht." Offen bleibt auch am Ende für den Leser, wo Versagen aufhört und Lüge beginnt. Jakob Arjouni, 1964 in Frankfurt/Main geboren, jobbte nach dem Abitur unter anderem als Kellner in Südfrankreich, bevor er nach einem begonnenem Schauspielstudium mit dem Schreiben beginnt. Sein erster Roman "Happy birthday, Türke!" wurde 1991 von Doris Dörrie verfilmt und machte ihn durch die Figur des deutsch-türkischen Privatdetektivs Kemal Kayankaya zum Shooting-Star der deutschen Krimiszene. Auch die folgenden Geschichten mit und über den als "Kanake" beschimpften Privatdetektiv, der kein Wort Türkisch spricht, sind vor allem Auseinandersetzungen mit den Themen Nationalismus und Rassismus und gleichzeitig eine Reise durch die deutsche Gegenwart. Jasmin Oun
Infos: Diogenes, 2004, Gebunden, 189 Seiten, ISBN 3257235046, 17,90 Euro
Datum: 08.09.06
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