| Autor: | Hannu Raittila |
|---|---|
| Titel: | Canal Grande
Roman |
| Rezension: |
Ohne Wasser ist Venedig nicht denkbar und doch setzt ihm gerade dieses Medium so zu, dass die historische Bausubstanz der Stadt in Gefahr scheint. Ein Unesco-Projekt wird eilig ins Leben gerufen und mit ihm kommen fünf Finnen in die Stadt, die Venedig vor dem Untergang bewahren sollen. Doch während nur einer der fünf sich tatsächlich mit dem Einfluss von Wasser und Eis auf Bauwerke auskennt, sind die anderen mit der Erklärung und Schaffung kultureller Unterschiede beziehungsweise mit sich selbst beschäftigt. Verschärfend kommt zu dieser Konstellation der venezianische Karneval sowie die aus dem Osten hinüberschwappende organisierte Kriminalität hinzu. Während also der Ingenieur versucht, Messergebnisse in den Kanälen zu sammeln, um aus den Daten das Gefahrenpotenzial für die Stadt zu errechnen, tanzen die Venzianer auf dem Vulkan respektive auf den Brücken: "Auf der Brücke hüpften Leute in allen möglichen Maskierungen herum, prustend, pfeifend, oder einfach bloß grölend. Fürze und ihre Nachahmung schienen unendliches Vergnügen zu bereiten. Ich hatte so etwas nicht mehr gesehen, seit meine Söhne drei oder vier Jahre alt waren... Der Dozent erklärte, es gehöre zum Karneval, beständig die Grundfunktionen des Körpers hervorzuheben, in Worten wie in Gebärden." Und auch das Verhältnis der Venezianer zu Recht und Ordnung, so erfährt der Ingenieur vom venezianischen Polizeichef, unterscheidet sich von dem der Finnen erheblich: "Gesetze seien dazu da, flexibel gehandhabt zu werden. Jeder vernünftige Mensch begreife, dass das Leben unmöglich wäre, wenn man Gesetze wörtlich nehme. Er sehe das täglich bei der Arbeit als Polizist, wo man ständig auf dem Höhenkamm des Gesetzes stünde und zuschaue, wie die toten Buchstaben im praktischen Leben umgesetzt würden." Umgekehrt gerät aber auch die italienische Polizei ins Staunen, als sie die Finnen, auf der Suche nach der Ursache der Rauchentwicklung auf dem Dach, beim traditionellen Saunagang ertappt: "Man kann nur ahnen, wie er gestaunt haben muss, als er statt Spitzbuben mit Streichhölzern eine halbnackte, dampfende Herrenrunde und eine kleine Hütte vor sich sieht, aus deren Schornstein heimelig der Rauch quillt...Ganz offensichtlich hat der Wachtmeister seine eigenen Schlussfolgerungen aus der Situation gezogen: Hier erfüllt sich offenbar eine Gruppe Perverser ihre bizarren Wünsche."
Um den cultural clash zwischen Nord und Süd, exemplifiziert an Finnen und Venezianern, eine groß angelegte Schmuggelgeschichte mit tödlichem Ausgang und um die Lebensmüdigkeit eines alternden finnischen Philosophen, der Liebe und Tod in Venedig sucht, geht es in dem Roman "Canal Grande" von Hannu Raittila. Die Geschichte des Aufeinanderpralls zweier Welten und des Zerfalls der einen wird aus zwei Perspektiven erzählt: Während in einem Handlungsstrang der Ingenieur Marrasjärvi nüchtern, ja fast trocken von seiner Arbeit und den Hindernissen berichtet, die der venezianische (Karnevals-)Alltag darstellt sowie die endlosen, mannigfaltigen Vorlesungen des Dozenten Heikkillä zu quasi allen Themen des Lebens, der Geschichte und allem anderen wiedergibt, ist der lebensmüde Philosoph und Kunstexperte Saraspää der Gegenpart: Gefangen im venzianischen Eis und Schnee, distanziert von der Gruppe seiner Landsleute, kommentiert er im bissigen Ton die Mission, ihre Teilnehmer und das Leben an sich. Zum Schluss ergreift eine dritte Stimme das Wort und bringt etwas Licht in das Dunkel des Scheiterns, das am Ende der Mission steht.
Ein witziger Roman, der seine Spannung vor allem aus dem Nord-Süd-Gegensatz gewinnt; allerdings hat er einige Längen in dessen Beschreibung und auch dem dozierenden Dozenten wünscht man mitunter die Pest an den Hals. Die Krimi-Geschichte, die sich am Ende als eine der treibenden Kräfte herausstellt, ist außerdem nicht durchgängig gut in die Handlung integriert. Trotzdem eine lohnende Lektüre.
Hannu Raittila, Jahrgang 1956, gilt als einer der interessantesten und wichtigsten Autoren Finnlands. Man kennt ihn als Verfasser von Kolumnen, Hörspielen, Drehbüchern, von fünf Bänden mit Erzählungen und mehreren Romanen. Für "Canal Grande" erhielt er den Finlandia-Preis, die bedeutendste literarische Auszeichnung des Landes. Auch in Deutschland fand der Roman begeisterte Zustimmung. "Atlantis" gehört wie "Canal Grande" zu seiner so genannten "Wasser-Trilogie". Die deutsche Übersetzung des dritten dazugehörigen Romans ist in Vorbereitung.
Jasmin Oun
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| Infos: | Knaus Verlag, 2005, gebunden, 368 Seiten, ISBN 3 8135 0252 X, 19,90 Euro |
| Datum: | 13.10.06 |
| Link: | Beim Online-Buchhandel bestellen |
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Ohne Wasser ist Venedig nicht denkbar und doch setzt ihm gerade dieses Medium so zu, dass die historische Bausubstanz der Stadt in Gefahr scheint. Ein Unesco-Projekt wird eilig ins Leben gerufen und mit ihm kommen fünf Finnen in die Stadt, die Venedig vor dem Untergang bewahren sollen. Doch während nur einer der fünf sich tatsächlich mit dem Einfluss von Wasser und Eis auf Bauwerke auskennt, sind die anderen mit der Erklärung und Schaffung kultureller Unterschiede beziehungsweise mit sich selbst beschäftigt. Verschärfend kommt zu dieser Konstellation der venezianische Karneval sowie die aus dem Osten hinüberschwappende organisierte Kriminalität hinzu. Während also der Ingenieur versucht, Messergebnisse in den Kanälen zu sammeln, um aus den Daten das Gefahrenpotenzial für die Stadt zu errechnen, tanzen die Venzianer auf dem Vulkan respektive auf den Brücken: "Auf der Brücke hüpften Leute in allen möglichen Maskierungen herum, prustend, pfeifend, oder einfach bloß grölend. Fürze und ihre Nachahmung schienen unendliches Vergnügen zu bereiten. Ich hatte so etwas nicht mehr gesehen, seit meine Söhne drei oder vier Jahre alt waren... Der Dozent erklärte, es gehöre zum Karneval, beständig die Grundfunktionen des Körpers hervorzuheben, in Worten wie in Gebärden." Und auch das Verhältnis der Venezianer zu Recht und Ordnung, so erfährt der Ingenieur vom venezianischen Polizeichef, unterscheidet sich von dem der Finnen erheblich: "Gesetze seien dazu da, flexibel gehandhabt zu werden. Jeder vernünftige Mensch begreife, dass das Leben unmöglich wäre, wenn man Gesetze wörtlich nehme. Er sehe das täglich bei der Arbeit als Polizist, wo man ständig auf dem Höhenkamm des Gesetzes stünde und zuschaue, wie die toten Buchstaben im praktischen Leben umgesetzt würden." Umgekehrt gerät aber auch die italienische Polizei ins Staunen, als sie die Finnen, auf der Suche nach der Ursache der Rauchentwicklung auf dem Dach, beim traditionellen Saunagang ertappt: "Man kann nur ahnen, wie er gestaunt haben muss, als er statt Spitzbuben mit Streichhölzern eine halbnackte, dampfende Herrenrunde und eine kleine Hütte vor sich sieht, aus deren Schornstein heimelig der Rauch quillt...Ganz offensichtlich hat der Wachtmeister seine eigenen Schlussfolgerungen aus der Situation gezogen: Hier erfüllt sich offenbar eine Gruppe Perverser ihre bizarren Wünsche."
Um den cultural clash zwischen Nord und Süd, exemplifiziert an Finnen und Venezianern, eine groß angelegte Schmuggelgeschichte mit tödlichem Ausgang und um die Lebensmüdigkeit eines alternden finnischen Philosophen, der Liebe und Tod in Venedig sucht, geht es in dem Roman "Canal Grande" von Hannu Raittila. Die Geschichte des Aufeinanderpralls zweier Welten und des Zerfalls der einen wird aus zwei Perspektiven erzählt: Während in einem Handlungsstrang der Ingenieur Marrasjärvi nüchtern, ja fast trocken von seiner Arbeit und den Hindernissen berichtet, die der venezianische (Karnevals-)Alltag darstellt sowie die endlosen, mannigfaltigen Vorlesungen des Dozenten Heikkillä zu quasi allen Themen des Lebens, der Geschichte und allem anderen wiedergibt, ist der lebensmüde Philosoph und Kunstexperte Saraspää der Gegenpart: Gefangen im venzianischen Eis und Schnee, distanziert von der Gruppe seiner Landsleute, kommentiert er im bissigen Ton die Mission, ihre Teilnehmer und das Leben an sich. Zum Schluss ergreift eine dritte Stimme das Wort und bringt etwas Licht in das Dunkel des Scheiterns, das am Ende der Mission steht.
Ein witziger Roman, der seine Spannung vor allem aus dem Nord-Süd-Gegensatz gewinnt; allerdings hat er einige Längen in dessen Beschreibung und auch dem dozierenden Dozenten wünscht man mitunter die Pest an den Hals. Die Krimi-Geschichte, die sich am Ende als eine der treibenden Kräfte herausstellt, ist außerdem nicht durchgängig gut in die Handlung integriert. Trotzdem eine lohnende Lektüre.
Hannu Raittila, Jahrgang 1956, gilt als einer der interessantesten und wichtigsten Autoren Finnlands. Man kennt ihn als Verfasser von Kolumnen, Hörspielen, Drehbüchern, von fünf Bänden mit Erzählungen und mehreren Romanen. Für "Canal Grande" erhielt er den Finlandia-Preis, die bedeutendste literarische Auszeichnung des Landes. Auch in Deutschland fand der Roman begeisterte Zustimmung. "Atlantis" gehört wie "Canal Grande" zu seiner so genannten "Wasser-Trilogie". Die deutsche Übersetzung des dritten dazugehörigen Romans ist in Vorbereitung.
Jasmin Oun