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Lasset die Kinder zu mir kommen

Autor: Leon, Donna
Titel: Lasset die Kinder zu mir kommen
Commissario Brunettis sechzehnter Fall
Rezension: Lasset die Kinder zu mir kommen

Lesevergnügen: Aktuelles Thema - spannend erzählt

Venedig. Es ist Nacht. Eine Frau und ein Mann liegen nach dem Sex erschöpft friedlich im Bett. Der Mann seufzt vor lauter Glück. Heute hat sein Sohn zum ersten Mal zu ihm Papa gesagt. Plötzlich wird die Idylle mit einem Knall zerrissen: Carabinieri dringen mit einem lauten Knall in die Wohnung ein. Der Mann springt nackt auf, um seine Frau und sein Kind zu beschützen. Und wird mit einem Schlag außer Gefecht gesetzt.
Es ist Nacht. Brunetti liegt an Paola geschmiegt, als das Telefon klingelt. Ein Kinderarzt liegt mit schweren Kopfverletzungen im Ospedale Civile. Man befürchtet eine Hirnschädigung. Der Grund für den Überfall der Carabinieri: Sie wollten den 18-Monate alten Sohn aus dem Haus holen, da er illegal adoptiert wurde.

Im 16. Fall von Commissario Brunetti geht es um heiße Themen: Illegale Adoption, aber auch um Korruption unter Medizinern und nicht zuletzt um selbstberufene Gutmenschen und treue Bürger, die sich immer punktgenau ans Gesetz halten – wenn es für Sie nützlich ist.

Aber der Reihe nach: Da ist Dottore Gustavo Pedrolli, der seinen Adoptivsohn Alfredo abgöttisch liebt. Er liegt im Krankenhaus und hat seine Sprache verloren. Und ist völlig verzweifelt: Wird er Alfredo je wieder sehen?
Da ist eine alte Geschichte: Eine Frau hat beobachtet, dass sich im Nachbarhaus eine Schwangere aufhielt, bei der abends manchmal Männer auftauchten. Aber plötzlich nach der Geburt war sie verschwunden. Ist hier ein Ring von Kinderhändlern zugange? Auch die Exekutive scheint nicht lupenrein zu agieren. War die Aktion der Carabinieri nicht etwas überzogen? Und wieso wurde die Questura der venezianischen Polizei nicht informiert? Und warum wird Vice-Questore Patta von einem bulligen Mann im Krankenhaus zusammengestaucht?

Doch Brunetti stolpert im Rahmen seiner Ermittlungen auf weitere Ungereimtheiten: Vianello recherchiert gerade in einem Fall von Abrechnungskorruption bei Ärzten. Bei der Überprüfung stößt Brunetti auf einen Apotheker, der es mit der Verschwiegenheit nicht so genau nimmt, sondern vielmehr die – seiner Meinung nach unliderliche – Wahrheit der Patienten an Dritte weitergibt, um sie zu bestrafen. Ist er es vielleicht gewesen, der Pedrolli an die Carabinieri verraten hat? Gleichzeitig erfährt Brunetti, dass auch in Italien das Problem der ungewollten Kinderlosigkeit ein rießiges Geschäft ist. Undercover ermitteln Signorina Elletra und Brunetti in einer Reproduktionsklinik...

Es ist immer wieder ein Genuss, wie Donna Leon ihre Leser durch die Serenissima führt und sie an den kleinen Eigenheiten der Einwohner teilhaben lässt. Da werden Informationen in der Bar bei einem Kaffee oder einem Imbiss mit einem kleinen Glas Wein ausgetauscht. Sowieso spielt das Essen und Trinken anscheinend in Italien immer eine große Rolle. (Wie leid können einem da die deutschen Kommissare tun, bei denen es immer nur zu einer Curry-Wurst mit Pommes und einer Dose Bier reicht ;-) Gleichzeitig erhält die Leserin Einblick in das Familienleben der Brunettis. Donna Leons Figuren zeigen stets Charakter und Gefühle, hier geht es nie um Darstellung von Gewalt oder pure Action. Die Autorin fesselt uns vielmehr mit der detaillierten Beschreibung der italienischen – pardon – venezianischen Gesellschaft. Es werden aktuelle Probleme aufgegriffen und nach Antworten gesucht. Aber wie immer, bleiben viele Fragen offen: Ist es denn gerecht, ein Baby aus einer Familie zu reißen, in der es ihm gut geht und von der es geliebt wird? Und ob die wirklichen Täter gefasst werden können? ...

Mit dem 16. Band hat Donna Leon wieder einmal einen ihrer besseren Romane vorgelegt, bei dem die Empfehlung nur lauten kann: Lesen! Denn die 322 Seiten versprechen ein wahres Krimi-Vergnügen. Zurück bleibt die Hoffnung. Und dass Donna Leon uns auch mit weiteren Folgen aus der einzigartigen Krimiserie beglückt. Noch ein Tipp für die Wenigen, die bisher Brunetti-Krimis gelesen haben: Lasst Euch nicht abschrecken von den Fernsehfilmen. Diese haben so gar nichts mit den Büchern zu tun. Brunetti ist ein Italiener, wie wir ihn uns immer vorstellen, und kein Ruhrpott-Deutscher. Greift lieber zum Buch, und lasst Euch entführen...

Heike Meyer

Infos: Krimi, 2008, Diogenes, Hardcover, 355 Seiten, ISBN 978-3-257-06631-9, Preis: 21,90 EUR
Datum: 11.09.08
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