| Autor: | Benioff, David |
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| Titel: | Stadt der Diebe Roman |
| Rezension: |
Januar 1942: Die Deutsche Wehrmacht hat 'Piter', wie sie die Einwohner nennen, seit Sommer 1941 belagert. Der Weg hinaus ist abgeschnitten, es herrscht Hunger und eisige Kälte bei 30 bis 40 Grad Minus. Beim Plündern eines toten deutschen Soldaten wird der 17-jährige Lew verhaftet und in das berühmtberüchtigte Gefängnis Kresty geworfen. Dort trifft er auf den Soldaten Kolja, der seine Truppe unerlaubt verlassen hat. Auf Plünderei sowie Fahnenflucht steht Todesstrafe, was in jenen Tagen jedoch schon aufgrund viel kleinerer Vergehen ohne großes Federlesen erfolgte. Der Morgen graut, doch wider Erwarten schreiten die Beiden nicht zu ihrer Hinrichtung, vielmehr gewährt ihnen der NKWD-Chef eine Gnadenfrist: Wenn sie es schaffen, innerhalb einer knappen Woche zwölf Eier anlässlich der Hochzeit seiner Tochter zu besorgen, verschont er sie. Doch wie in einer Stadt, in der selbst das aus Sägespäne bestehende Brot rationiert ist und sich die Menschen von ausgekochtem Leder und dem Leim der Buchrücken ernähren – wie soll hier so ein Luxusgut aufzufinden sein? Für das ungleiche Paar beginnt damit eine Odyssee, welche die Überlebensstrategien und Abgründe der vom Tode bedrohter Menschen zeigt. Bäume, Zäune und Möbel sind längst zu Feuerholz verarbeitet. Auf dem Markt wird die Erde zerbombter Häuser verkauft, die noch Spuren von geschmolzenem Zucker enthält. Tiere gibt es nicht mehr, selbst Hunde, Katzen und sogar Ratten landen in den Töpfen. Auch vor Kannibalismus schrecken einige Ausgehungerte nicht zurück. Nach einer Weile wird klar: Lew und Kolja müssen hinter die feindlichen Linien, um überhaupt eine Chance zu haben, das begehrte Gut zu finden. In Mitten der Kälte treffen sie auf ein Bordell, in dem russische Mädchen zum Liebesdienst an ihren deutschen Widersachern gezwungen werden. Sie treffen auf Partisanen und zu Zwangsarbeit rekrutierten Bauern. Und schließlich auf die Deutschen selbst. Dabei werden die ungleichen Schicksalspartner Lew und Kolja zu Freunden, wachsen über sich hinaus und werden zu Helden. Die spannende Abenteuergeschichte schildert eine Tragödie, die in Vergessenheit geraten ist und den Meisten unbekannt sein dürfte: Die Leningrader Blockade. Im zweiten Weltkrieg belagerte die Deutsche Wehrmacht Leningrad für nahezu 900 Tage. Der perfide Plan: Die Bevölkerung sollte ausgehungert werden. Mindestens die Hälfte der Einwohner (die Zahlen schwanken hier zwischen 700.000 und 2 Millionen) fallen diesem menschenverachtenden Winkelzug der deutschen Kriegsführung zum Opfer. Die Erzählung ist gut recherchiert. So sind die Zustände im belagerten Leningrad detailliert beschrieben. Und auch kleine historische Hinweise wie 'Piter' werden wie zufällig eingestreut. Selbst die Wahl des Buchtitels geht auf ein historisches Zitat zurück. So soll Hitler Leningrad "Die Stadt der Diebe" genannt haben. Deshalb haben einige Kritiker den Autor scharf angegriffen, sei dies doch eine 'Schmähung der Überlebenden'. Kein einfacher Stoff. Doch Benioff beschreibt die Menschen in seinem Roman anrührend und liebevoll. Die Story wird quasi in der Retrospektive erzählt. Denn es handelt sich um eine – zumindest im Kern – wahre Geschichte, die Benioffs Großvater, russischer Exilant, seinem Enkel erzählt. Die beiden Hauptdarsteller Lew und Kolja sind anfangs noch wie zwei entgegengesetzte Pole. Doch im Laufe der Ereignisse lernen sich der charismatische junge Soldat und der introvertierte kleine Jude kennen und schätzen. Und bei allem Drama schildert Benioff auch die Menschlichkeit, die Hoffnung und manchmal auch den Humor der Menschen, die solche bedrückenden Umstände aushalten mussten. So ist es ein wahres Vergnügen, mit der man die nahezu 400 Seiten wie im Fieber liest, ohne das Buch aus den Fingern legen zu wollen. Manche Szenen werden dem Leser sicherlich nicht so schnell wieder aus dem Kopf gehen, wie etwa als Kolja und Lew auf dem Dach eines Hauses Hühner suchen und einen sterbenden Jungen treffen. Da sei dem Autor verziehen, dass er einige Klischees verwendet, dienen sie doch dazu, die Geschichte voranzutreiben. Und wer das Gefühl hat, der Roman ist wie Kino im Kopf, der ist der Wahrheit sehr nah. David Benioff (Jahrgang 1970) arbeitet unter anderem als Drehbuchautor für Hollywood, adaptierte "Drachenläufer" für die Leinwand und lebt in New York. "Stadt der Diebe" gibt’s auch als Hörbuch von Random House (Sprecher: Heikko Deutschmann) und eBook und vielleicht in naher Zukunft auch als Spielfilm ;-) Wer mehr über die Leningrader Blockade lesen will, dem sei auch der Epos des Purlitzer-Preis-Trägers und New-York-Times-Journalisten Harrison Salisbury, 900 Tage, Die Belagerung von Leningrad (erstmals erschienen 1969) empfohlen. Ebenfalls lesenswert: Ella Foniakowa, Das Brot jener Jahre – Ein Kind erlebt die Leningrader Blockade (2000, Verlag Johannes M. Mayer, ISBN 3-932386-31-0) Heike Meyer
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| Infos: | Blessing Verlag, München 2009, gebunden, 384 S., ISBN 3896673947, 19,95 €. |
| Datum: | 22.12.09 |
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