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Dem Volke dienen

Autor: Lianke, Yan
Titel: Dem Volke dienen
Rezension: Dem Volke dienen

Zur Zeit von Maos Kulturrevolution wird der brave Soldat Wu Dawang als Haushaltshilfe für den Divisionskommandeur abberufen. Zur Vorbereitung auf seine Aufgabe unterzieht man ihn einer Gehirnwäsche: „Der Verwaltungsleiter hatte ihn gefragt: ‚Was sind die wichtigsten Prinzipien, die du beachten musst, wenn du jetzt beim Kommandeur Dienst tust?’ ‚Ich darf nichts fragen, nichts tun und nichts sagen, was mir nicht zukommt… Ich muss mir immer bewusst sein, dass mein Dienst beim Kommandeur Dienst am Volke ist.’ ‚Noch mehr aber kommt es darauf an, dass das keine bloßen Sprüche bleiben und du deinen Worten auch Taten folgen lässt.’ Diensteifrig folgt er den Anweisungen seines Vorgesetzten, kocht, putzt und wäscht, immer in der Hoffnung, bald befördert zu werden und seine Familie aus der Provinz nachholen zu können. Doch alsbald gerät er in Situationen, die er sich zuvor in den kühnsten Träumen nicht ausgemalt hatte. Während einer längeren Abwesenheit des Kommandeurs macht sich dessen hübsche Frau Liu Lian an den ahnungslosen Wu heran. ’Zieh dich aus, um dem Volke zu dienen’, befiehlt sie ihm, und er gehorcht. Eine amour fou entfacht zwischen den beiden, vergessen sind Volk und Partei. Erst als im Schlafzimmer eine Skulptur des Großen Vorsitzenden zerbricht, erwachen die beiden aus dem Liebesrausch - auf solch einen konterrevolutionären Akt steht die Todesstrafe. Doch das, was nach dem abrupten „Dienstende“ auf die Beiden wartet, ist fast noch schlimmer. Und doch, es ist nicht das Ende.

Vordergründig liest sich Yan Liankes Roman „Dem Volke dienen“ als süffisanter Text über die sexuellen Eskapaden zweier Ausgehungerter. Doch hinter der pikanten, anzüglichen Fassade offenbart er eine sehr menschliche, melancholische Ebene über den Umgang zwischen Unten und Oben sowie eine realistische Beschreibung des modernen Chinas mit seinen verschiedenen Lebensbedingungen. Während auf dem Land Hunger, Armut und die Arbeit auf dem Feld die Menschen unfrei und unglücklich machen, sind die Städter und Soldaten obrigkeitsstaatlichen Zwängen unterworfen. Und doch gibt es immer welche, die freier und gleicher sind als Andere. Witzig, lesens- und bedenkenswert.

Yan Lianke, 1958 in der Provinz Henan geboren, erhielt für seine Romane und Erzählungen zahlreiche Auszeichnungen, u.a. die bedeutendsten Literaturpreise Chinas. Der vorliegende Roman fiel in China der Zensur zum Opfer, wurde kurz nach seinem Erscheinen verboten und daraufhin übers Internet international ein Kultroman.


Jasmin Oun

Infos: Ullstein, 2004, Roman, gebunden, 206 Seiten, ISBN 978-3-550-08687-8, 16,90 Euro
Datum: 11.03.10
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