| Autor: | McNay, Mark |
|---|---|
| Titel: | Frisch Roman |
| Rezension: |
Frisch – das ist die Abteilung, in der Sean und sein Onkel Albert in der Hühnerverarbeitungsfarbrik in einem Glasgower Vorort arbeiten. Frisch, das sind die Hühner, die bei Sean auf dem Förderband auftauchen, nicht wirklich, aber als solche werden sie später verkauft. Ein Knochenjob, aber ehrliche Arbeit. Sie wirft jedoch nur gerade soviel ab, dass eine Familie über die Runden kommt – ohne Extras. Und deshalb zweigt Sean 700 der 1000 Euro ab, die sein Bruder Archie ihm zur Aufbewahrung überlassen hat, bevor er mal wieder wegen Gewalttätigkeiten und Drogenhandels in den Knast einfährt. So kann Seans Tochter auf Klassenfahrt gehen und er mal wieder ein bisschen auf Pferde wetten. Leider ohne Erfolg. Und so muss er das Geld durch Überstunden in der Hühnerfabrik wieder reinholen. Doch der Plan geht nicht auf, denn Archie wird vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Verständnis für Seans finanzielle und familiäre Situation ist nicht zu erwarten und Seans Panik steigt von Stunde zu Stunde. Am Ende kommt alles noch viel schlimmer als Sean es sich ausgemalt hat und er zieht die Notbremse. Krimi, Familiengesschichte und Sozialstudie – alles in einem liefert Mark McNay mit seinem Erstlingsroman „Frisch“. Dabei versucht er erst gar nicht, sich dem derben Arbeiter-Milieu von Glasgows Vorstädten mit Feingefühl und Sozialromantik zu nähern. Er springt ins Thema, er spricht die Sprache seiner Protagonisten und er zeichnet ihr Umfeld, wie es ist: grau, arm und trostlos. Das Bier am Freitagabend in einem billigen Pub ist das einzige Vergnügen der Woche, und nicht einmal das können sich alle leisten. Wer zum Beispiel Easterhouse einmal gesehen hat, weiß dass McNay mit keiner Silbe übertreibt.Sean ist ein klassischer Antiheld vor den Ruinen einer einst blühenden Industriestadt: Er ist ein liebevoller Mann und Vater, ein Malocher, der vor Hühner-Gestank und spritzenden Fettklümpchen nicht Reißaus nimmt, der aber auch weiß, dass ihn das auf keinen grünen Zweig bringt. Deshalb übernimmt er hin und wieder Drogenfahrten für seinen schwerstkriminellen Bruder. Spannend und echt ist der Konflikt der zwei Brüder, der sich zum Showdown entwickelt, der selbst hartgesottenen Lesern den Atem stocken lässt. Ein tolles Debüt und spannende Lektüre für alle, die keine (literarischen) Berührungsängste vor Prekariat, Elend und Gewalt haben. Der Autor: Mark McNay ist 1965 in Glasgow geboren und in einem ehemaligen schottischen Bergarbeiterdorf aufgewachsen. Nach einer abgebrochenen Ausbildung zum Elektroingenieur arbeitete er 15 Jahre in verschiedensten Jobs – als Fensterputzer, auf dem Bau, am Fließband einer Hühnerverarbeitungsfabrik, als Putzkraft in der Geriatrie eines Krankenhauses. 1999 begann er ein Creative Writing Studium an der University of East Anglia, aus der auch Ian McEwan und Kazuo Ishiguro hervorgingen. 2003 machte er seinen Abschluss mit Auszeichnung. Mark McNay hat gerade seinen zweiten Roman abgeschlossen, lebt in Norwich und arbeitet mit psychiatrischen Patienten. Jasmin Oun |
| Infos: | 2008, dtv-premium, TB, 258 Seiten, ISBN 978-3-423-24627-9, EUR 14,- |
| Datum: | 21.05.10 |
| Link: | Beim Online-Buchhandel bestellen |
Zur Liste
